FotoTheorie

Die feinen Unterschiede
Gesellschaftliche Kritik des Geschmacksurteils - Paris 1979

von Pierre Bourdieu

Es ist kein Zufall, wenn sich beim Versuch der Rekonstruktion ihrer Logik die 'Ästhetik' der unteren Schichten der Bevölkerung als negative Kehrseite der Kantischen Ästetik offenbart; wie denn auch das Ethos dieser Schichten auf jede These aus der 'Analytik des Schönen' implizit eine Gegenthese bereithält.

Während Kant bei seinem Unternehmen, die Besonderheit des ästhetischen Urteils in den Griff zu bekommen, akribisch zwischen dem, 'was gefällt' und dem, 'was vergnügt' unterscheidet, und allgemeiner, zwischen dem 'interesselosen Wohlgefallen', dem einzigen Garanten der ästhetischen Qualität der Betrachtung, und dem 'Interesse der Sinne', das 'das Angenehme', sowie dem 'Interesse der Vernunft', das das Gute definiert, beziehen sich die Angehörigen der unteren Schichten, die von jedem Bild erwarten, dass es eine Funktion erfülle - und sei es die eines Zeichens - in allen ihren Urteilen - häufig explizit - auf die Normen der Moral oder des Gefälligen.

Positive wie negative Bewertung eines Photos, z.B. eines toten Soldaten, bilden demzufolge immer eine Antwort auf die Realität der dargestellten Sache oder auf die mögliche Funktion der Darstellung - im Rahmen unseres Beispiels also das Grauen des Krieges und die Blossstellung des Grauens, die der Photograph allein durch Sichtbarmachung des Grauens leisten soll.

So erkennt der Naturalismus dieser Klassen Schönheit denn auch als Abbild des Schönen oder, schon seltener, im schönen Bild des Schönen wieder: 'Das da, das ist gut, das ist fast symmetrisch. Ausserdem ist es auch eine schöne Frau. Eine schöne Frau macht sich auf einem Photo immer gut.'

Der Pariser Arbeiter kann es hier im Hinblick auf Geradheit der Aussage durchaus mit dem Sophisten Hippias aufnehmen: 'Ich will ihm beantworten, was das Schöne ist, und er soll gewiss nichts dagegen haben. Nämlich wisse nur, Sokrates, wenn ich es dir recht sagen soll, ein schönes Mädchen ist schön.'

Diese Form wie Existenz des Bildes seiner Funktion unterordnende 'Ästhetik' ist notwendig konditional und pluralistisch: Die Beharrlichkeit, mit der die Befragten aus diesen Schichten an die Grenzen und Geltungsbedingungen ihrer Urteile erinnern, dabei für jede Photographie den möglichen Gebrauch und den nöglichen Adressaten angeben, oder genauer, den für einen bestimmten Adressaten möglichen Gebrauch - 'Als Reportage ist das nicht schlecht', 'um es den Kleinen zu zeigen, in Ordnung' - belegt hinlänglich, dass sie die Vorstellung verwerfen, ein Photo könne 'allgemein' gefallen.

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Da das Bild immer unter Rekurs auf die Funktion beurteilt wird, die es in den Augen des Betrachters erfüllt oder seiner Ansicht nach für diese oder jene Gruppe von Betrachtern erfüllen könnte, nimmt das ästhetische Urteil zwangsläufig immer die Form eines hypothetischen Urteils an, das sich implizit auf die Anerkennung von 'Genres' stützt, deren Oberbegriffe sowohl die 'Vollendung' als auch den Anwendungsbereich definieren.

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Es versteht sich fast von selbst, dass die Ästhetik, deren Wertungen auf informativem, emotionalem oder moralischem Interesse basieren, das Bild des Bedeutungslosen, oder, was innerhalb dieser Logik aus dasselbe hinausläuft, die Bedeutungslosigkeit des Bildes stets nur ablehnen kann: Das Urteil verselbstständigt nie das Bild des Objektes gegenüber dem Objekt des Bildes. Von allen immanenten Eigenschaften des Bildes bringt nur Farbe - von Kant für minder rein als die Form gehalten - den Betrachter dazu, seiner Ablehnung bedeutungsloser Inhalte zu durchbrechen.

So liegt dem Bewusstsein dieser Schichten nichts ferner als jene Vorstellung eines ästhetischen Vergmügens, das, mit Kant zu sprechen, von dem 'Wohlgefallen der Sinne' unabhängig wäre. Dementsprechend mündet das Urteil über die wegen Belanglosigkeit zunächst kritisierten Photos fast immer in den Vorbehalt: 'Farbig könnte das schön aussehen.'