FotoTheorie

Für eine Philosophie der Fotografie
Das Bild - 1984

von Vilém Flusser

Der Kampf der Schrift gegen das Bild, das Geschichtsbewusstseins gegen die Magie, kennzeichnet die gesamte Geschichte. Mit dem Schreiben kam eine neue Fähigkeit ins Leben, die das begriffliche Denken genannt werden kann und darin besteht, Linien aus Flächen zu abstrahieren, das heisst: Texte herzustellen und diese zu entziffern.

Begriffliches Denken ist abstrakter als imaginatives, denn es abstrahiert aus den Phänomenen alle Dimensionen mit Ausnahmen der Geraden. So hat sich der Mensch mit der Erfindung der Schrift noch einen weiteren Schritt zurück von der Welt entfernt. Texte entziffern die Welt, sie bedeuten die Bilder, die sie zerreissen. Texte entziffern heisst folglich, die von ihnen bedeuteten Bilder zu entdecken. Die Absicht der Texte ist, Bilder zu erklären, die der Begriffe, Vorstellungen begreifbar zu machen. Texte sind demnach ein Metacode der Bilder.
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Die Texte erklären zwar die Bilder, um sie wegzuerklären, aber die Bilder illustrieren auf die Texte, um sie vorstellbar zu machen. Das begriffliche Denken analysiert zwar das magische, um es aus dem Weg zu räumen, aber das magische Denken schiebt sich ins begriffliche, um ihm Bedeutung zu verleihen.

Bei diesem dialektischen Prozess verstärken begriffliches und imaginatives Denken einander gegenseitig, das heisst: Die Bilder werden immer begrifflicher, die Texte immer imaginativer.
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Das aber ist nicht alles. Die Schrift selbst ist eine Vermittlung - ganz wie die Bilder -, und sie ist der gleichen inneren Dialektik unterworfen. Sie steht somit nicht nur im äusseren Widerspruch zu den Bildern, sondern sie ist auch von einem inneren Widerspruch zerrissen. Ist es die Absicht der Schrift, zwischen den Menschen und seinen Bildern zu vermitteln, so kann sie die Bilder auch verstellen, anstatt sie darzustellen, und sich zwischen den Menschen und seine Bilder schieben. Geschieht dies, dann wird der Mensch unfähig, seine Texte zu entziffern und die ihnen bedeuteten Bilder zu rekonstruieren. Werden aber die Texte unvorstellbar, bildlich unfassbar, dann lebt der Mensch in Funktion seiner Texte.
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Die Texte werden dann in die Welt dort draussen projiziert und man erlebt, erkennt und wertet die Welt in Funktion dieser Texte. Ein besonders beeindruckendes Beispiel für die Unvorstellbarkeit der Texte bietet heute der Diskurs der Wissenschaften.
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Werden Texte jedoch unvorstellbar, dann gibt es nichts mehr zu erklären, und die Geschichte ist am Ende.

In dieser Krise der Texte wurden die technischen Bilder erfunden: um die Texte wieder vorstellbar zu machen, sie magisch aufzuladen - um die Krise der Geschichte zu überwinden.